Leseprobe: Pubertät! Worum gehts hier eigentlich?

Auszug aus meinem Buch: Pubertät Überleben - Wissen ist Macht: Erscheinungsdatum: 24.12.2026

Ankommen in der Pubertät
Wo ist mein kleines Kind geblieben? Plötzlich verändert sich alles. Vom süßen, manchmal anstrengenden, aber am Ende lieben Kleinen, ist kaum mehr was übrig. Zeit ohne Eltern wird immer mehr eingefordert. Grenzen getestet, Regeln sind zum Übertreten da und die vielen schönen innigen, nahen Momente werden weniger. “Widerworte” und Diskussionen sind an der Tagesordnung, Stimmen werden insgesamt lauter und der Satz “es ist sooo anstrengend” fällt aus beiden Richungen öfter. So war es bei uns. Wie war oder ist es bei euch?


Für mich war es fast so, wie ich mir das Empty Nest Syndrom vorstelle. Ich bekam immer mehr das Gefühl, mein Kind zu “verlieren”. Ich fing an, mich selbst kaum wiederzuerkennen. Als mein Kind mich das erste Mal beschimpfte, war ich erst erschrocken, dann wütend auf diese “Respektlosigkeit”, später wurde ich traurig (Wie kann das sein - ich bin doch ihre Mama). Als ich mich auf Ursachenforschung machte, blieb ich immer wieder bei Jesper Juul hängen. Viele seiner Inhalte sind Grundlage dieses Buches. Aber der Reihe nach: Was passiert eigentlich in der Pubertät?


Das sagt die Forschung: Wenn wir über Pubertät sprechen, denken viele zuerst an Stimmungsschwankungen, geschlossene Zimmertüren und ein Kind, das plötzlich auf jede Frage mit „Keine Ahnung“ oder „Ist doch egal“ antwortet. Aber Pubertät ist viel mehr als das. Im Körper unseres Kindes passiert unglaublich viel. Hormone verändern den Körper, die Sexualentwicklung beginnt bzw. schreitet voran und auch das Gehirn befindet sich in einem tiefgreifenden Entwicklungsprozess. Gleichzeitig verändert sich die gesamte Lebenswelt: Freunde werden wichiger, die eigene Identität wird zu einem großen Thema und der Wunsch nach Selbstständigkeit wächst.


Die WHO beschreibt die Adoleszenz als eine besondere Entwicklungsphase, in der körperliche, kognitive und psychosoziale Veränderungen gleichzeitig stattfinden. Es geht also nich nur darum, dass aus einem Kind äußerlich langsam ein Erwachsener wird. Auch Denken, Fühlen, Entscheiden und die Beziehungen zu anderen verändern sich. Und genau das macht diese Zeit für unsere Kinder – und für uns Eltern – manchmal so anstrengend. Denn das Gehirn entwickelt sich weiter. Besonders interessant ist dabei das Zusammenspiel verschiedener Bereiche. Systeme, die mit Emotionen, Belohnung und der Suche nach neuen Erfahrungen zu tun haben, verändern sich während der Pubertät deutlich. Gleichzeitig entwickeln sich die Bereiche, die unter anderem für Planung, Impulskontrolle und langfristiges Abwägen zuständig sind, über einen längeren Zeitraum weiter. Das bedeutet aber nich: „Mein Kind kann einfach nichs dafür, weil sein Gehirn noch nich fertig ist.“


Jugendliche können sehr wohl vernünftig denken, Verantwortung übernehmen und gute Entscheidungen treffen. Gleichzeitig können Emotionen, soziale Situationen und der Einfluss Gleichaltriger Entscheidungen stark beeinflussen. Gerade in Situationen, die aufregend sind oder in denen Freunde dabei sind, kann das Verhalten deshalb manchmal ganz anders aussehen als in einem ruhigen Gespräch mit Mama oder Papa. Und dann kommt noch etwas Entscheidendes hinzu: Unser Kind möchte nich mehr nur unser Kind sein. Es möchte herausfinden: Wer bin ich eigentlich? Was möchte ich? Was denke ich? Was glaube ich? Wie möchte ich leben? Und vor allem: Wie viel möchte ich noch mit meinen Eltern teilen? Das kann sich für uns Eltern manchmal wie Ablehnung anfühlen. Dabei ist Ablösung ein wichiger Teil des Erwachsenwerdens.


Jesper Juul beschreibt die Pubertät deshalb nich einfach als eine Zeit, in der Eltern noch konsequenter erziehen müssen. Vielmehr verändert sich die Beziehung. Aus dem Kind, für das wir lange sehr viel entschieden haben, wird zunehmend ein junger Mensch mit einer eigenen Persönlichkeit, eigenen Vorstellungen und immer mehr Eigenverantwortung.


Und genau hier liegt für mich eine der größten Herausforderungen der Pubertät:
Wir müssen lernen, unser Kind loszulassen, ohne es allein zu lassen.
Wir dürfen Grenzen setzen, ohne jeden Konflikt gewinnen zu müssen.
Wir dürfen Orientierung geben, ohne unser Kind ständig kontrollieren zu wollen.
Und wir dürfen gleichzeitig verstehen, dass hinter manchem Verhalten, das uns wahnsinnig macht, nich automatisch Respektlosigkeit oder eine schlechte Erziehung steckt. Manchmal steckt dahinter schlich ein junger Mensch, der gerade selbst versucht, mit all den Veränderungen klarzukommen.
Das bedeutet nich, dass wir alles akzeptieren müssen.


Ganz im Gegenteil.
Pubertät braucht Grenzen. Aber sie braucht auch Beziehung, Vertrauen, Verständnis und zunehmend echte Beteiligung.

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Julia Eder – freie Autorin für Erziehung, Pubertät & Familie