Wenn aktuelle Trends problematisch werden – ein Blick auf Looksmaxxing, Sigma & Co.
Unsere Kinder wachsen mit einer Sprache auf, die wir oft gar nicht verstehen. Begriffe wie Looksmaxxing, Sigma oder Lone Wolf fallen in ihren Chats, tauchen in ihren Feeds auf, prägen, wie sie über sich selbst und ihren Körper denken – und die wenigsten Eltern wissen, worum es dabei eigentlich geht. Genau das ist das Problem: Wir bekommen kaum etwas davon mit, während sie etwas mit dem Selbstwert unserer Kinder machen.
Looksmaxxing: Wenn das eigene Gesicht zum Projekt wird
Looksmaxxing bedeutet, das eigene Aussehen so weit wie möglich zu „optimieren“ – der Begriff setzt sich aus „Looks“ und „maximieren“ zusammen. Ursprünglich stammt er aus Incel-Foren, in denen Aussehen als der entscheidende Faktor für Erfolg im Leben, bei Frauen und im Job dargestellt wird. Auf TikTok ist daraus längst ein Massenphänomen geworden, vor allem unter Jungen und jungen Männern.
Dabei gibt es eine harmlose und eine gefährliche Seite. „Softmaxxing“ meint Dinge wie Hautpflege, Fitness oder einen neuen Haarschnitt – nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste. Beim „Hardmaxxing“ wird es kritisch: Da geht es um Techniken wie Mewing (Zunge dauerhaft an den Gaumen pressen, um angeblich die Kieferform zu verändern), um fragwürdige Nahrungsergänzung, kosmetische Eingriffe – bis hin zu „Bonesmashing“, bei dem sich Jugendliche mit einem Hammer auf die Gesichtsknochen schlagen, um eine kantigere Kieferlinie zu bekommen. Klingt komplett absurd? Ist aber leider real!
Die Gefahr liegt nicht nur in den körperlichen Risiken, sondern vor allem darin, dass der eigene Wert komplett am Aussehen festgemacht wird. Jugendliche, die sich online ständig mit optimierten, teils gefälschten Bildern vergleichen, entwickeln das Gefühl, nie gut genug zu sein,, was widerrum zu Ängsten und Depressionen führen kann.
Sigma und Lone Wolf: Cool sein, indem man niemanden braucht
„Sigma“ bezeichnet einen angeblichen männlichen Persönlichkeitstyp, der unabhängig, distanziert und ohne Bestätigung von außen erfolgreich ist – kombiniert wird das oft mit der „Lone Wolf“-Ästhetik, dem einsamen Wolf, der niemanden braucht. Auch dieser Begriff kommt ursprünglich aus der Manosphere, jenem Online-Netzwerk aus Foren und Kanälen, das männliche Archetypen wie Alpha, Beta und eben Sigma diskutiert und dabei nicht selten Frauenfeindlichkeit und ein sehr enges Männlichkeitsbild transportiert.
Für viele Jugendliche ist „Sigma“ inzwischen vor allem ein ironisches Meme, das mit Figuren wie Patrick Bateman aus „American Psycho“ verknüpft wird und in Songs und Videos für Lacher sorgt. Genau das macht es aber auch gefährlich: Was als Witz beginnt, kann zum Einstiegspunkt in ernsthaftere Manosphere-Inhalte werden. Und die Botschaft dahinter – wahre Stärke bedeutet, niemanden zu brauchen, keine Gefühle zu zeigen, sich von nichts und niemandem beeinflussen zu lassen – widerspricht ziemlich genau dem, was Jugendliche eigentlich lernen sollten: dass Verbindung, Verletzlichkeit und Hilfe holen kein Zeichen von Schwäche sind.
SkinnyTok: Dünn sein als Lebensziel
Während Looksmaxxing und Sigma vor allem Jungen ansprechen, trifft „SkinnyTok“ überwiegend Mädchen. Unter diesem Hashtag kursieren Videos, die extremes Dünnsein als erstrebenswert und glücklich machend darstellen – mit Sprüchen wie „Dein Magen knurrt nicht, er applaudiert dir“. Restriktives Essverhalten, teils bis hin zur offenen Verharmlosung von Magersucht, wird hier subtil normalisiert, oft verpackt in vermeintlich motivierende Vorher-Nachher-Clips. Die Zahl der diagnostizierten Essstörungen bei 12- bis 17-Jährigen ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen – ein Trend, der mit diesem Content in Verbindung gebracht wird.
Was können Eltern tun?
Verbote allein bringen hier wenig – die Accounts werden sonst heimlich angelegt, das kenne ich selbst nur zu gut. Was wirklich hilft:
Interesse zeigen statt urteilen: Frage, was dein Kind gerade auf TikTok sieht, ohne gleich zu bewerten.
Über die Mechanismen sprechen: Erkläre, dass Influencer-Content oft inszeniert, bearbeitet oder schlicht erfunden ist – und dass Aufmerksamkeit im Netz mit Extremen verdient wird.
Selbstwert stärken, der nicht am Aussehen hängt: Lobe die Fähigkeiten, Charakter, Einsatz – nicht nur, wie jemand aussieht.
Genau hinschauen bei Veränderungen: Zieht sich dein Kind zurück, verändert sich das Essverhalten oder wird plötzlich viel über Aussehen gesprochen? Dann ist Intervention nötig.
Frühzeitig Hilfe holen: Bei Anzeichen von Essstörungen oder ernsthaften psychischen Belastungen sind Kinder- und Jugendärzte oder spezialisierte Beratungsstellen die richtige erste Anlaufstelle.
Diese Trends verschwinden nicht, wenn wir sie ignorieren – sie werden nur unsichtbarer für uns und sichtbarer für unsere Kinder. Je besser wir verstehen, was da draußen passiert, desto eher können wir unseren Kindern ein Gegengewicht sein.