Wenn Kinder lügen! Was Eltern wirklich hilft - und was nicht

Wenn Kinder lügen: Was Eltern wirklich hilft (und was nicht).

Als mein Kind mich das erste Mal angelogen hat, war ich fassungslos. Wie kann das sein? Warum macht es das? Das geht gar nicht! Wut und Traurigkeit wechselten sich ab. In erster Linie Wut! Da mache ich seit so vielen Jahren 24/7 alles für das Kind, und das ist der Dank? Wie oft habe ich gepredigt, dass Ehrlichkeit und Vertrauen das Wichtigste sind, dass die Kinder immer zu mir kommen können, egal was ist, und wir gemeinsam Lösungen suchen. Bei den ersten Eskapaden habe ich bewusst kein Drama gemacht, nicht "geschimpft", sondern sie gelobt, dass sie ehrlich sind, und dann Lösungen gesucht. Und nun, in der Pubertät, werde ich nicht nur einmal angelogen, sondern mehrfach?

Ich weiß von vielen Eltern, dass das mit das Schlimmste ist. Wahrscheinlich gerade für diese Eltern, die sich bewusst viel Mühe in der Erziehung gegeben haben, um für ein offenes, vertrauensvolles Klima zu sorgen (oft, weil sie genau das nicht in ihrer Herkunftsfamilie hatten), und die daher umso getroffener waren, als ihre Kinder genau dies nicht zu schätzen wussten. Mein Cousin, der fünf Kinder großgezogen hat und drei davon schon in der Pubertät überlebte, sagte mal ganz nüchtern zu mir: Teenager sind die krassesten Egoisten. Sie versuchen ihr Ding durchzudrücken, ohne Rücksicht auf Verluste.

Oft scheint es so, als wäre alles an Erziehungsarbeit, an Werten, die man ihnen mitgegeben hat, wie weggeblasen. Das frustriert, macht traurig und in Teilen auch sehr wütend. Entwicklungspsychologisch ist das allerdings ein fast schon nötiger Schritt. Was sagt die Forschung dazu?

Die US-Psychologin Nancy Darling hat über 20 Jahre lang untersucht, warum und wie oft Jugendliche ihre Eltern anlügen, mit Studien auf vier Kontinenten und mehreren tausend Teilnehmern. Ihr zentrales Ergebnis: Nahezu alle Jugendlichen lügen ihre Eltern zumindest gelegentlich an, je nach Studie liegt der Anteil zwischen 82 und 98 Prozent. Das betrifft nicht nur "schwierige" Kinder, sondern quer durch alle Familien.

Der überraschendste Befund ihrer Arbeit: Der häufigste Grund für die Lüge ist nicht, Ärger zu vermeiden, sondern die Beziehung zu schützen. Jugendliche wollen ihre Eltern nicht enttäuschen und fürchten, dass die Wahrheit dem Vertrauen mehr schadet als eine kleine Notlüge. Aus ihrer Sicht ist das Lügen also oft paradoxerweise ein Ausdruck davon, wie wichtig ihnen die Beziehung ist, nicht ein Zeichen von Gleichgültigkeit.

Dazu kommt die neurobiologische Seite der Pubertät. Das Gehirn baut sich in dieser Phase stark um. Bereiche, die für Risikobereitschaft und Belohnung zuständig sind, reifen früher als die Bereiche für Impulskontrolle und langfristiges Denken. Das führt dazu, dass Jugendliche kurzfristige Ziele bevorzugen und in emotional aufgeladenen Momenten schlechter gegensteuern können, auch beim Lügen.

Und schließlich: Autonomie zu entwickeln gilt in der Entwicklungspsychologie als eine der zentralen Entwicklungsaufgaben des Jugendalters. Ein Stück Distanz zu den Eltern und ein eigener, nicht vollständig einsehbarer Bereich gehören dazu. Die Lüge ist dabei oft ein unbeholfenes, aber entwicklungstypisches Werkzeug, um diesen eigenen Raum zu behaupten.

Was aus therapeutischer Sicht hilft

  • Nicht die Lüge selbst ist das Problem, sondern was sie über die Situation dahinter erzählt. Bevor es um Konsequenzen geht, lohnt sich die Frage: Wovor hatte mein Kind gerade Angst? Vor meiner Reaktion, vor einem Verbot, vor Enttäuschung? Die eigene emotionale Reaktion sollte nicht zum Hauptthema des Gesprächs werden. Wut und Verletztheit sind berechtigt, aber wenn das Gespräch vor allem um die gekränkten Gefühle der Eltern kreist, lernt das Kind eher, beim nächsten Mal besser zu lügen, statt offener zu werden.

  • Konsequenzen und Beziehung trennen. Ein Regelverstoß darf eine Konsequenz haben. Das ändert nichts daran, dass die Beziehung stabil bleibt. Kinder und Jugendliche brauchen die Sicherheit, dass eine Lüge sie nicht aus der Beziehung katapultiert.

  • Vertrauen wird nicht durch Kontrolle wiederhergestellt, sondern durch Gespräche. Mehr Überwachung nach einer entdeckten Lüge führt in aller Regel nicht zu mehr Ehrlichkeit, sondern zu geschickteren Lügen. Wirksamer ist es, regelmäßig im Gespräch zu bleiben, auch über unangenehme Themen, und selbst als Elternteil Fehler einzugestehen.

  • Die eigene Vorbildfunktion prüfen. Kinder beobachten sehr genau, wie ehrlich Eltern selbst im Alltag sind, auch bei kleinen Dingen. Konsequenz beim eigenen Verhalten wirkt oft stärker als jede Ansage.

Eine andere, ergänzende Perspektive liefert die systemische Familientherapie, mit Blick auf die Ordnung innerhalb einer Familie. Jedes Familienmitglied braucht seinen angemessenen Platz, und dieser Platz verschiebt sich mit dem Älterwerden der Kinder. Ein kleines Kind braucht enge Führung und volle Einsicht der Eltern in sein Leben. Ein Jugendlicher, der sich langsam aus der Familie herauslöst, braucht dagegen zunehmend einen eigenen, geschützten Bereich, den die Eltern nicht mehr vollständig einsehen. Wird dieser Übergang nicht mitvollzogen und die Eltern halten an der engen Kontrolle des Kindesalters fest, entsteht aus systemischer Sicht Spannung im System. Das Kind sucht sich diesen Raum dann auf eigene Faust, notfalls über die Lüge.

Aus dieser Perspektive ist die Lüge in der Pubertät also nicht in erster Linie ein Vertrauensbruch, sondern ein oft unbeholfener Versuch, eine neue, altersgemäße Ordnung zwischen Eltern und Kind herzustellen, in der beide Seiten ihren Platz neu finden müssen. Das erklärt nicht jede Lüge und entschuldigt sie auch nicht. Aber es verschiebt den Blick: weg von der Frage "Was habe ich falsch gemacht", hin zu der Frage "Welchen Raum braucht mein Kind gerade, den ich ihm noch nicht gebe".

Die Lüge in der Pubertät ist selten das, wonach sie sich im ersten Moment anfühlt, nämlich ein Versagen der Erziehung oder ein Bruch in der Beziehung. Sie ist meist ein Symptom für Angst, für den Wunsch, die Beziehung zu schützen, oder für den Versuch, einen eigenen Raum zu erobern, der in dieser Phase einfach dazugehört. Und wenn du ehrlich bist? Wie oft hast du deine Eltern in der Pubertät angelogen oder machst es sogar heute noch? Was waren die Gründe dafür? Warum lügst du selbst heute als Erwachsener oft noch, auch wenn du es nur als kleine Notlüge deklarierst? :-) Es hat meiste keine tieferen Ursachen. Du willst dir einfach Stress ersparen, hast keine Lust auf Erklärungen, willst dein eigenes Ding machen, dir nicht dreinreden lassen, hast keine ungebetenen Ratschläge hören etc. …….Deinem Kind geht es ganz genauso :-) Aus diesem Blickwinkel betrachtet, wird es leichter!

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