Mobbing - wenn Kinder zur Zielscheibe werden
Mobbing gehört zu den zentralsten Themen im Schulalltag und in vielen Familien. Was auf Pausenhöfen und in Klassenzimmern teilweise passiert, ist für Außenstehende schwer nachvollziehbar, für Betroffene aber prägend, oft über Jahre hinweg. Kinder werden nicht gemobbt, weil mit ihnen etwas nicht stimmt. Oft reicht es schon, anders zu sein als die Gruppe: zu laut, zu leise, zu unangepasst, zu erfolgreich, zu unsicher. Manchen Kindern fehlt der Rückhalt durch enge Freundschaften, andere zeigen starke emotionale Reaktionen, die Täter als „Erfolg" erleben. Nichts davon rechtfertigt Mobbing, es erklärt nur, warum gerade dieses Kind getroffen wird.
Auch hinter dem Verhalten der Täter steckt fast immer etwas: mangelnde Impulskontrolle, wenig gelernte Empathie, ein Zuhause mit Härte oder Vernachlässigung als Vorbild, der Wunsch nach Status in der Gruppe, manchmal auch selbst erlebte Ausgrenzung, die weitergegeben wird. Kinder, die mobben, haben häufig selbst wenig Selbstwert und stabilisieren sich über Kontrolle und Abwertung anderer. Auch das entschuldigt nichts, erklärt aber, warum reine Bestrafung selten etwas verändert.
Mobbing ist dabei nie nur ein Konflikt zwischen zwei Kindern. Es ist Gruppendynamik, es braucht Täter, Opfer und Mitläufer, die durch Schweigen oder Lachen das Verhalten verstärken. Und es ist manchmal Symptom eines Systems, das aus dem Gleichgewicht geraten ist: ein Klassenklima ohne klare Regeln, eine Schule ohne konsequentes Eingreifen, eine Familie unter Druck. Wer nur den einzelnen Täter oder das einzelne Opfer betrachtet, übersieht die Ebene, auf der sich wirklich etwas ändern lässt.
Immer wieder erlebe ich Eltern, die in ihrer Verzweiflung selbst eingreifen. Sie rufen den vermeintlichen Täter oder dessen Eltern an, drohen, eskalieren. Verständlich, aber wirkungslos, und oft macht es die Lage für das eigene Kind noch schwerer. Wirksamer ist es, auf mehreren Ebenen gleichzeitig zu handeln, statt allein auf Konfrontation zu setzen.
Was betroffene Kinder tun können
Ruhig bleiben, wenn möglich, und nicht die erwartete Reaktion zeigen, denn Täter suchen sichtbare Erfolge. Sich sofort jemandem anvertrauen. Dem Lehrer, Eltern und Freunden. Oft ermutigen Eltern ihre Kinder “zurück zu mobben” und sich zu wehren. Ein klares “Stopp - Lass das” ist wichtig und richtig - oft aber leider wirkungslos. Zurück schlagen, beleidigen oder abwerten bringt den Kreislauf mehr in Gang, als ihn zu stoppen. Im Moment kann nur kurz und knapp eine Grenze gesetzt und dann das “Spielfeld” verlassen werden. Keine Diskussion aber die Sicherheit, sich jemanden anvertrauen zu können. Hier braucht es Hilfe von Außen und wenn nötig Schutz und Abstand. Kinder können dies nicht alleine lösen, sie benötigen unsere Unterstützung.
Was Eltern tun können
Zuhören, glauben, nicht dramatisieren und nicht verharmlosen. Mit der Lehrkraft sprechen, sachlich, mit konkreten Vorfällen. Das Kind stärken, aber die Verantwortung fürs Lösen nicht allein dem Kind überlassen. Die zuständigen Erwachsenen einschalten, statt selbst zu drohen oder einzugreifen. Bei Bedarf professionelle Unterstützung holen.
Was Schulen tun können
Auch Lehrkräfte haben klare Handlungsanweisungen. Wirksame Schulen arbeiten auf drei Ebenen: Vorfälle früh erkennen, konsequent und sichtbar eingreifen, und die Wirkung der Maßnahmen im Nachgang überprüfen. Dazu gehören meist ein Stufenplan bei Vorfällen, feste Ansprechpersonen und der Einbezug der ganzen Klasse statt nur der beiden Beteiligten. Für die Prävention setzen viele Schulen auf wissenschaftlich geprüfte Programme wie Faustlos, ein Curriculum für Kindergarten und Grundschule, das impulsives und aggressives Verhalten verringern und soziale Kompetenzen stärken soll.
Und der Täter?
Auch ihm kann und sollte geholfen werden: klare, konsequente Grenzen ohne Bloßstellung, Förderung von Empathie, Impulskontrolle und Konfliktlösung, bei tieferliegenden familiären Problemen der Einbezug der Familie. Ohne Konsequenzen lernt aber auch dieses Kind nicht, dass Verhalten Grenzen hat. Mobbing ist nie nur ein Kinderproblem zwischen zwei Kindern, sondern immer auch Symptom eines Systems. Deshalb hilft es niemandem, allein zu drohen, zu strafen oder zu schweigen. Es hilft, wenn Kinder, Eltern und Schule gemeinsam hinschauen und auf allen Ebenen handeln.
Dieses Thema wird im Kapitel „Schule" mit allen dazugehörigen Unterkapiteln ausführlich behandelt, inklusive weiterer konkreter Handlungsanweisungen für Opfer, Eltern und Schule, in meinem Buch „Wie ich die Pubertät überlebt habe und wie du das auch schaffst", das im Dezember erscheint.