Warum Kinder zu Hause und in der Lernförderung können, was sie im Test nicht zeigen

In der Lernförderung begegnet mir immer wieder das gleiche Muster. Kinder, die in der Schule z.B. mit Mathe kämpfen, arbeiten in einem anderen Umfeld motiviert mit. Sie spielen Spiele, die mathematische Kompetenzen fördern, rechnen zügig und bleiben konzentriert dabei. In der Schule schalten manche derselben Kinder nach kurzer Zeit ab. Einigen wird dort ADHS zugeschrieben oder sie gelten als leicht ablenkbar.

Die Frage ist, woran das liegt. Nach meiner Beobachtung haben Schulschwierigkeiten und ausbleibender Lernerfolg oft nicht mit der Intelligenz eines Kindes zu tun, sondern mit den Rahmenbedingungen im Schulsystem.

Vorab: Jede Situation ist individuell. Viele Lehrkräfte geben sich große Mühe und möchten jedes Kind einzeln fördern. Mit 27 Kindern in einer Klasse und den Vorgaben von Schule, Schulamt und Rahmenlehrplänen ist das schwer umzusetzen. Es geht hier nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Bedingungen.

Beobachtungen im Schulalltag

Lautstärke. Ist die Klasse zu laut, können sich Kinder schlecht konzentrieren.

Lange Frontalphasen. Erklärt eine Lehrkraft lange und frontal, schalten viele Kinder ab.

Differenzierung mit unbeabsichtigten Nebenwirkungen. Schulen haben gute Ansätze zur Differenzierung, aber die Umsetzung hat oft Nachteile. Kinder, die sich stärker konzentrieren müssen, sollen in kleinen Gruppen besser lernen können. Wenn eine zweite Lehrkraft verfügbar ist, gehen sie dafür meist in einen Nebenraum. Dabei werden zum Beispiel sechs Kinder ausgewählt, die sich dadurch als "die Schlechten" erleben. Sie haben das Gefühl, den Raum verlassen und extra lernen zu müssen, weil sie nicht so gut sind wie die anderen. Das führt zu Frust, und die Konzentration lässt spätestens dann nach. Die Kinder verstehen das Angebot nicht als Unterstützung, verlieren die Motivation und profitieren wenig davon.

Hinzu kommt, dass es im Nebenraum meist nicht deutlich ruhiger ist. Die Kinder dort haben viele Fragen und brauchen ständig Unterstützung. Die Lehrkraft versucht, sie zu geben, doch dadurch herrscht durchgehend Unruhe, weil immer wieder einzelnen Kindern geholfen wird. Die anderen können sich in dieser Zeit nicht ungestört konzentrieren.

Fragt man die Kinder, was sie sich wünschen, antworten sie fast immer: in der Klasse bleiben und nicht von den anderen getrennt werden.

Warum im Test nicht klappt, was zu Hause klappt

Fragt man Kinder, warum sie im Test Aufgaben nicht geschafft haben, obwohl sie sie zu Hause konnten, nennen sie zuerst den Druck: wenig Zeit, die Uhr tickt.

Countdown. Kinder berichten, dass sie besonders nervös werden und kaum noch etwas zustande bringen, wenn die Lehrkraft die verbleibende Zeit laufend ansagt: "Ihr habt nur noch 5 Minuten, kommt zum Ende", später "nur noch 2 Minuten". Der Arbeitsfluss wird dadurch unterbrochen.

Unverstandene Aufgabenstellung. Ebenso häufig haben Kinder die Aufgabe nicht verstanden. Auf Nachfrage sagen sie meist, sie sei erklärt worden, aber nur kurz. Oft folgt der Hinweis, dass ab jetzt keine Fragen mehr beantwortet werden, weil die Zeit läuft. Das erzeugt zusätzlichen Druck. Die Kinder wollen sofort alles verstehen, und genau das gelingt unter diesen Bedingungen schlechter, weil sie wissen, dass sie nicht mehr nachfragen dürfen.

Alle Aufgaben am Stück. Werden sämtliche Aufgaben in einem Durchgang vorgelesen, können Kinder ab etwa der Hälfte nicht mehr folgen, weil sie die Informationen der ersten Aufgaben noch nicht verarbeitet haben.

Das sind Gründe, warum Kinder zu Hause oder in der Lernförderung Aufgaben lösen können und Freude daran haben, in der Schule aber nicht.

Einordnung durch die Forschung

  • Flow: Nach Mihály Csíkszentmihályi entsteht konzentriertes, freudiges Arbeiten, wenn Anforderung und Können zusammenpassen und die Tätigkeit nicht ständig unterbrochen wird.

  • Arbeitsgedächtnis: Es kann nur begrenzt viel Information gleichzeitig halten. Die Cognitive-Load-Theorie von John Sweller beschreibt, dass zu viele Informationen auf einmal das Lernen erschweren.

  • Leistungsdruck: Sian Beilock zeigte, dass Druck das Arbeitsgedächtnis belastet, auch bei Personen, die den Stoff beherrschen. Mathematikangst und Zeitdruck hängen ebenfalls zusammen.

  • Zuschreibungen: Der Pygmalion-Effekt (Rosenthal und Jacobson) beschreibt, dass Erwartungen und Etikettierungen Leistungen beeinflussen können.

  • Motivation: Die Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan nennt Zugehörigkeit, Kompetenzerleben und Selbstbestimmung als Grundbedürfnisse. Aussortieren kann alle drei berühren.

  • Lärm: Untersuchungen, etwa von Maria Klatte, zeigen, dass Hintergrundgeräusche die Konzentrations- und Leseleistung von Grundschulkindern verringern können.

Weitere Faktoren, die Testleistungen beeinträchtigen können

  • Prüfungsangst und Angst vor Fehlern

  • Schlafmangel, Hunger oder wenig Bewegung vor dem Test

  • Leistungsdruck und Vergleiche, auch im Elternhaus

  • Wissen, das nur in gewohnter Umgebung oder in gewohnten Aufgabenformaten abrufbar ist

  • Unübersichtliche Aufgabenblätter, kleine Schrift, viel Text auf einer Seite

  • Ungünstige Uhrzeit oder mehrere Tests kurz hintereinander

  • Rückmeldungen, die nur Fehler markieren und nicht zeigen, was schon gelingt

  • Wenig Übung im Nachfragen und im Umgang mit Aufgabenstellungen

Was Eltern und Kinder daraus mitnehmen können

Ein schwaches Testergebnis sagt nicht automatisch etwas über Begabung oder Anstrengung aus. Es kann auch zeigen, dass Bedingungen wie Zeitdruck, Lautstärke oder die Art der Aufgabenstellung nicht zum Kind passen. Bedingungen lassen sich oft verändern. Hilfreich kann sein, mit dem Kind zu besprechen, was ihm im Test hilft und was es stört, es zum Nachfragen zu ermutigen und Testsituationen zu Hause in entspannter Form zu üben. Wenn dein Kind dir genau beschreiben kann, was es in der Schule ENTMUTIGT, suche das Gespräch mit der Lehrkraft. Oft können dann gemeinsam bessere Lösungen gefunden werden.

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